Gebets- und Fastenzeiten in äqautorfernen Gebieten
Der folgende Beitrag soll sich mit dem Problem der Gebets- und Fastenzeiten in geographischen Gebieten befassen, die nahe dem Nord- oder Südpol liege.
Er soll darüber hinaus auf einige unterschiedliche Lösungsvor-schläge eingehen und so deren Grenzen aufzeigen, und er soll vor allem auf die Vorgaben hinweisen, die wir im Qur'ân finden.
Wenn wir eine Frage klären wollen, ob und welchen Zusammen-hang sie mit dem Islam hat, so ist unsere vorrangige Quelle dafür der Qur'ân, Allahs Offenbarung.
Der Qur'ân ruft die Muslime an zahlreichen Stellen auf zum Gebet und zum Zahlen der Zakât auf, das Gebet, die Ṣalât, und die Zakât obliegt den Muslimen, und sie dürfen nicht vernach-lässigt werden. Auch sollte das Gebet weitgehend in Gemein-schaft verrichtet werden.
Es folgen einige Beispiele aus dem Qur'ân.
(2:43)
وأقيموا الصلاة وآتوا الزكاة واركعوا مع الراكعين
Und verrichtet das Gebet und zahlt die Zakât, und beugt euch mit denen, die sich beugen.
(4:101)
وإذا ضربتم في الأرض فليس عليكم جناح أن تقصروا من الصلاة إن خفتم أن يفتنكم الذين كفروا إن الكافرين كانوا لكم عدوا مبينا
Und wenn ihr durch das Land zieht, dann soll es keine Sünde für euch sein, wenn ihr das Gebet verkürzt, so ihr fürchtet, die Nichtmuslime würden euch bedrängen.
(2:45, 46)
واستعينوا بالصبر والصلاة وإنها لكبيرة إلا على الخاشعين
الذين يظنون أنهم ملاقو ربهم وأنهم إليه راجعون
Und sucht Hilfe in Geduld und Gebet; und das ist freilich schwer, es sei denn für die Demütigen,
die für gewiss wissen, dass sie ihrem Herrn begegnen und dass sie zu Ihm wiederkehren werden.
(4:162)
كن الراسخون في العلم منهم والمؤمنون يؤمنون بما أنزل إليك وما أنزل من قبلك والمقيمين الصلاة والمؤتون الزكاة والمؤمنون بالله واليوم الآخر أولئك سنؤتيهم أجرا عظيما
Doch denen unter ihnen, die ein gründliches Wissen haben, und die Gläubigen, die an das glauben, was zu dir herabgesandt wurde und was vor dir herabgesandt wurde und denjenigen, die das Gebet verrichten und die Zakât zahlen und an Allah glauben und an den Jüngsten Tag - ihnen allen werden Wir gewiss einen gewaltigen Lohn geben.
(5:55)
إنما وليكم الله ورسوله والذين آمنوا الذين يقيمون الصلاة ويؤتون الزكاة وهم راكعون
Eure Freunde sind allein Allah und Sein Gesandter und die Gläubigen, die das Gebet verrichten und die Zakât zahlen und sich (im Gebet) verneigen.
(6:73)
وأن أقيموا الصلاة واتقوه وهو الذي إليه تحشرون
Und (uns wurde geboten): „Verrichtet das Gebet und fürchtete Ihn“, und Er ist es, zu Dem ihr versammelt werdet.
(62:9)
يا أيها الذين آمنوا إذا نودي للصلاة من يوم الجمعة فاسعوا إلى ذكر الله وذروا البيع ذلكم خير لكم إن كنتم
O die ihr glaubt, wenn der Ruf zum Gebet am Freitag erschallt, dann eilt zum Gedenken an Allah und lasst den Handel ruhen. Das ist besser für euch, wenn ihr es nur wüsstet.
(7:170)
والذين يمسكون بالكتاب وأقاموا الصلاة إنا لا نضيع أجر المصلحين
Und diejenigen, die an der Schrift festhalten und das Gebet verrichten - Wir lassen den Rechtschaffenen nicht den Lohn verloren gehen.
(2:277):
إِنَّ الَّذِينَ آمَنُواْ وَعَمِلُواْ الصَّالِحَاتِ وَأَقَامُواْ الصَّلاَةَ وَآتَوُاْ الزَّكَاةَ لَهُمْ أَجْرُهُمْ عِندَ رَبِّهِمْ وَلاَ خَوْفٌ عَلَيْهِمْ وَلاَ هُمْ يَحْزَنُونَ
Gewiss, die da glauben und gute Werke tun und das Gebet verrichten und die Zakât zahlen, ihr Lohn
ist bei ihrem Herrn, und keine Furcht soll über sie kommen, noch sollen sie trauern
Einzelheiten zu den Gebeten und die dafür vorgesehenen Zeiten:
(2:238):
حافظوا على الصلوات والصلاة الوسطى وقوموا لله قانتين
Wacht über die Gebete und das mittlere Gebet, und steht demütig vor Allah
(4:103)
فإذا قضيتم الصلاة فاذكروا الله قياما وقعودا وعلى جنوبكم فإذا اطمأننتم فأقيموا الصلاة إن الصلاة كانت على المؤمنين كتابا موقوتا
… denn das Gebet ist ein zeitlich anberaumtes Gebot (Vorschrift) für die Gläubigen.
(11:114)
وأقم الصلاة طرفي النهار وزلفا من الليل إن الحسنات يذهبن السيئات ذلك ذكرى للذاكرين
Und verrichte das Gebet an den beiden Enden des Tages, und in den (frühen) Stunden der Nacht. Wahrlich, die guten Werke vertreiben die bösen. Das ist eine Ermahnung für die Nachdenklichen
(17:78)
أقم الصلاة لدلوك الشمس إلى غسق الليل وقرآن الفجر إن قرآن الفجر كان مشهودا
Verrichte das Gebet beim Neigen der Sonne bis zum Dunkel der Nacht, und das Lesen des Qur'âns in der Morgendäm-merung, die Lesung des Qur'âns in der Morgendämmerung ist besonders angezeigt.
(20:130)
فاصبر على ما يقولون وسبح بحمد ربك قبل طلوع الشمس وقبل غروبها ومن آناء الليل فسبح وأطراف النهار لعلك ترضى
Ertrage denn geduldig, was sie sagen, und lobpreise deinen Herrn vor Aufgang der Sonne und vor ihrem Untergang; und verherrliche (Ihn) in den Stunden der Nacht und an den Enden des Tages, auf dass du wahre Glückseligkeit finden mögest.
(30:17,18)
فسبحان الله حين تمسون وحين تصبحون
وَلَهُ الْحَمْدُ فِي السَّمَاوَاتِ وَالْأَرْضِ وَعَشِيًّا وَحِينَ تُظْهِرُونَ
In einigen der Verse offenbart Allah uns Hinweise auf die Zeiten, in denen wir das Gebet verrichten sollen.
In einem dieser Verse (4:103) wird das Gebet, die Salât, zu-nächst als inna´ṣ-Ṣalâta kitâban mauqûtan, ein zeitlich anbe-raumtes Gebot (Vorschrift), bezeichnet, d.h. das zu festgelegten Zeitabschnitten zu verrichten ist, in weiteren Versen werden Einzelheiten dazu aufgeführt.
Wie viele Gebete es sind, wird im Qur'ân nicht ausdrücklich gesagt, sondern nur, dass es sich um eine ungerade Anzahl handelt, in dem in (2:238) vom mittleren Gebet gesprochen wird („Wacht über die Gebete und das mittlere Gebet“).
In 2 Versen werden diese Zeitabschnitte als Tageszeiten defi-niert: In (11:114) mit den Worten
„Und verrichte das Gebet an den beiden Enden des Tages, und in den (frühen) Stunden der Nacht.“
denn Ihm gebührt aller Preis in den Himmeln und auf Erden - und auch (auch) spät abends und wenn ihr Mittag habt.
Parallel dazu verknüpft Allah diese Zeiten auch mit dem Stand der Sonne: So heißt es in (17:78)
In der Ḥadîṯ-Literatur finden wir über die Anzahl der Gebete bei al-buẖârî, im kitâbu`ṣ-ṣalât, bâbu`ṣ-ṣalâwâti`hams kaffâra. (Band 1, S. 102)
„Von abû hurayra, dass er den Gesandten Allahs (ṣ) sagen hörte: „Was meint ihr, wenn es einen Fluss an der Tür von jemandem von euch gäbe und er sich darin jeden Tag fünfmal baden würde, was würdest du sagen, würde irgend etwas von seinem Schmutz zurückbleiben?“ Sie antworteten: „Nichts von seinem Schmutz würde übrigbleiben“. Er sagte: „So ist das mit den fünf Gebeten, durch sie löscht Allah alle Fehler aus.“
„Ich hörte 'abdu´llâhi ibn 'amr ibni`l-'âṣ, dass er sagte: der Gesandte Allahs (ṣ) wurde nach der Zeit für die Gebete gefragt, und er (ṣ.) antwortete: „Die Zeit für das faǧr- (= Morgen-dämmerungs) -Gebet ist, solange nicht die ersten Strahlen der Sonne aufgegangen sind, die Zeit für das Ẓuhr- (Mittags-) Gebet ist, wenn die Sonne sich vom höchsten Punkt am Himmel entfernt (und) solange noch nicht die Zeit für das 'aṣr- (Nachmittags-) Gebet gekommen ist, und die Zeit für das 'aṣr- (Nachmittags-) Gebet ist, solange die Sonne noch nicht erbleicht ist und ihre ersten Strahlen versunken sind, und die Zeit für das maġrib (Abend-, Sonnenuntergangs-) Gebet ist, wenn die Sonne untergeht und solange die Abenddämmerung noch nicht beendet ist, und die Zeit für das 'išâ'- (Nacht-) Gebet erstreckt sich bis zur Mitte der Nacht.“
Mit diesen Worten werden den Menschen in Regionen mit mitt-leren Tageszeiten einfache nachvollziehbare Regeln an die Hand gegeben, weil es z.B. Uhren für jedermann noch nicht gab.
Das Fasten
(2:183-187)
يا أيها الذين آمنوا كتب عليكم الصيام كما كتب على الذين من قبلكم لعلكم
أياما معدودات فمن كان منكم مريضا أو على سفر فعدة من أيام أخر وعلى الذين يطيقونه فدية طعام مسكين فمن تطوع خيرا فهو خير له وأن تصوموا خير لكم إن كنتم تعلمون
شهر رمضان الذي أنزل فيه القرآن هدى للناس وبينات من الهدى والفرقان فمن شهد منكم الشهر فليصمه ومن كان مريضا أو على سفر فعدة من أيام أخر يريد الله بكم اليسر ولا يريد بكم العسر ولتكملوا العدة ولتكبروا الله على ما هداكم ولعلكم تشكرون
وإذا سألك عبادي عني فإني قريب أجيب دعوة الداع إذا دعان فليستجيبوا لي وليؤمنوا بي لعلهم يرشدون
أحل لكم ليلة الصيام الرفث إلى نسائكم هن لباس لكم وأنتم لباس لهن علم الله أنكم كنتم تختانون أنفسكم فتاب عليكم وعفا عنكم فالآن باشروهن وابتغوا ما كتب الله لكم وكلوا واشربوا حتى يتبين لكم الخيط الأبيض من الخيط الأسود من الفجر ثم أتموا الصيام إلى الليل ولا تباشروهن وأنتم عاكفون في المساجد تلك حدود الله فلا تقربوها كذلك يبين الله آياته للناس لعلهم يتقون
O die ihr glaubt! Fasten ist euch vorgeschrieben, wie es denen vor euch vorgeschrieben war, vielleicht werdet ihr gottesfürchtig sein.
Eine bestimmte Anzahl von Tagen. Wer von euch aber krank oder auf Reisen ist, (der faste) an ebenso vielen anderen Tagen; und für jene, die es (an sich) leisten können, sind (wenn sie es dennoch versäumen) zu einer Ersatzleistung verpflichtet, (nämlich) zur Speisung eines Armen. Und wer mit freiwilligem Gehorsam ein gutes Werk vollbringt, das ist noch besser für ihn. Und Fasten ist gut für euch, wenn ihr es nur begreift.
Der Monat Ramaḍân ist der, in welchem der Qur'ân herabgesandt ward: eine Weisung für die Menschheit, deutliche Beweise der Führung und (göttliche) Zeichen. Wer also da ist von euch in diesem Monat, der möge ihn durchfasten; ebenso viele andere Tage aber, wer krank oder auf Reisen ist. Allah wünscht euch erleichtert und wünscht euch nicht beschwert, und dass ihr die Zahl (der Tage) erfüllt und Allah preisen möchtet dafür, dass Er euch richtig geführt hat, und dass ihr dankbar sein möchtet.
Und wenn Meine Diener dich nach Mir fragen (sprich) „Ich bin nahe. Ich antworte dem Bittgebet des Bittenden, wenn er zu Mir betet. So sollen sie auf Mich hören und an Mich glauben, auf dass sie den rechten Weg wandeln mögen.“
Erlaubt ist euch, in der Nacht des Fastens zu euren Frauen einzugehen. Sie sind euch ein Gewand, und ihr seid ihnen ein Gewand. Und Allah weiß, dass ihr gegen euch selbst unrecht gehandelt habt, darum hat Er Sich gnädig zu euch gekehrt und euch Erleichterung vergönnt. So möget ihr nunmehr zu ihnen eingehen und trachten nach dem, was Allah euch bestimmte; esst und trinkt, bis der weiße Faden von dem schwarzen Faden der Morgenröte zu unterscheiden ist. Dann vollendet das Fasten bis zum Einbruch der Nacht; und geht nicht zu ihnen ein, solange ihr in den Moscheen zur Andacht weilt (während der letzten 10 Tage des Fastenmonats). Das sind die Schranken Allahs, so nähert euch ihnen nicht. Also macht Allah Seine Zeichen (Gebote) klar. Vielleicht werden sie gottesfürchtig.“
Bei den Worten in den vorstehenden Versen, die die Fasten-zeiten betreffen, stellen wir ebenfalls fest, dass der Qur'ân sowohl die Tageszeit (die Nacht) anspricht als auch den Sonnenaufgang („bis der weiße Faden von dem schwarzen Fa-den der Morgenröte zu unterscheiden ist“).
Festlegungen im Qur'ân
Nach dem Qur'ân sind wir beim Beten und Fasten nicht aus-schließlich an den Sonnenstand gebunden.Die Verse des Qur'âns zu dieser Frage lassen sich in zwei Gruppen teilen. Die eine beschreibt die Gebetszeiten in Abhängigkeit vom Sonnen-stand (20:131), (17:79) und (11.115). Die andere Gruppe setzt sie in Abhängigkeit von den Tageszeiten fest: In (4:103) sagt Allah, dass das Gebet eine zeitlich anberaumte Vorschrift ist (kitâban mauqûtan), (2:239) legt die Betonung auf das mittlere Gebet (aṣ-ṣalâtu`l-wusṭa). Und in (30:17,18) werden den Gebetszeiten feste Tageszeiten zugeordnet:
„Preis sei Allah, wenn es bei euch Abend ist (ḥîna tumsûna) und wenn ihr Morgen habt (ḥîna tuṣbiḥûna)
Denn Ihm gebührt aller Preis in den Himmeln und auf Erden - und am Nachmittag und wenn ihr Mittag habt (ḥîna tuẓhirûna)“
Die Einteilung des Tages erfolgt bei uns nicht nach dem tatsäch-lichen Sonnenstand, sondern nach dem Tagesrhythmus eines mittleren Tages, d.h. von annähernd mittlerer Tageslänge. Die Tageszeiten sind nach unserem Zeitgefühl zwar nicht scharf gegeneinander abgegrenzt, beziehen sich aber während des ganzen Jahres auf ungefähr die gleichen Tagesstunden.
Was wir nicht vergessen dürfen ist, dass die Nacht zum Aus-ruhen vorgesehen ist (27:86):
Sehen sie nicht, dass Wir die Nacht gemacht haben, damit sie in ihr ruhen, und den Tag hell?
Voraussetzungen
Geographische Besonderheiten
Das Thema betrifft jeden von uns, da wir in einem Land leben, das schon sehr extreme Zeiten in den Tageslängen aufweist, die im Sommer hinsichtlich der Gebete und des Fastens außer-ordentlich große Probleme mit sich bringen und in der es über lange Zeit nicht einmal eine Nacht gibt. Es ist eine unserer vordringlichsten Aufgaben, zu einer Lösung zu kommen, des es jedem ermöglicht, Gottes Gebote auch in diesen geographi-schen Breiten zu erfüllen.
Die allgemeine Praxis der Muslime bei der Festlegung der Gebetszeiten ist, dass sie sich ausschließlich nach dem Stand der Sonne richten, ohne Berücksichtigung des geographischen Standortes. Das ist das Resultat der Ausarbeitung der madâhib (Rechtsschulen) und der šarî'a durch muslimische Gelehrte, denen die Gegebenheiten in polnahen Gebieten nicht bekannt waren und die sie daher nicht berücksichtigen konnten.
Für uns stellt sich die Frage, ob wir Gottes Willen tatsächlich so umfassend verwirklichen, wenn wir ebenso verfahren, und z.B. im Sommer weitaus länger fasten als der Prophet und im Winter weitaus kürzer.
Wir Muslime müssen eine Lösung für alle Gebiete finden, die nicht in Äquatornähe liegen, d.h. auch für Deutschland. Und es kann nur eine Regelung sein, die in Übereinstimmung mit Qur'ân und Sunna steht und in ihrer Durchführbarkeit nicht umständlicher sein sollte, als sie es zur Zeit des Propheten (S) war und auch jetzt in allen Ländern ist, die nicht zu weit vom Äquator entfernt liegen.
Die Tageslänge ist nicht nur von der Jahreszeit abhängig, son-dern in noch größerem Maß vom geographischen Standort. Am Äquator vergehen während des ganzen Jahres vom Aufgang bis zum Untergang rund 12 Stunden. Diese Tageslänge gibt es auf der ganzen Erde nur an zwei Terminen, dem Frühlings- und Herbstanfang am 21.3. und 23.9., an denen die Erdachse im rechten Winkel zur Einstrahlung des Sonnenlichtes steht. In der übrigen Zeit weicht die Tageslänge immer stärker davon ab, und zwar um so mehr, je weiter der Ort vom Äquator entfernt liegt. Der längste Tag auf der Nordhalbkugel ist der 21.6. und der kürzeste der 21.12, der Sommer bzw. der Winteranfang.
Die extremsten Verhältnisse finden sich innerhalb der Polar-kreise. Am Nordpol geht die Sonne im Frühling und Sommer für 186 Tage nicht unter und im Herbst und Winter während 179 Tagen nicht auf.
Die Schwierigkeiten beim Einhalten der Fasten- und Gebets-zeiten treten aber schon viel weiter südlich auf der Nordhalb-kugel auf, wie wir alle aus eigener Erfahrung wissen.
Die Gebets- und Fastenzeiten, wie der Prophet sie praktizierte, lassen sich - wie wir sahen - von zwei Seiten her betrachten:
von den Tageszeiten (oder auch Stunden), in die sie während der Jahreszeiten fallen, und
vom Sonnenstand, der sie bestimmt.
Seine sunna kann sich nur auf die Verhältnisse beziehen, unter denen er lebte.
Die Jahreszeiten und die unterschiedlichen Tages- und Nacht-längen beruhen darauf, dass die Erde sich um die Sonne dreht und dabei die Rotationsachse um ca. 23.5° gegen die Erdbahn-ebene geneigt ist, so dass im Sommer das Sonnenlicht den Nordpol ganztägig beleuchtet, weil er der Sonne zugewandt ist. Im Winter er vom Sonnenlicht abgewandt und liegt im Schatten der Erdkugel.
Beide Aspekte, die Tageszeiten und der Sonnenstand, lassen sich nur in den Ländern, die nahe am Äquator liegen, in Über-einstimmung bringen. Je weiter wir von ihm entfernt leben, desto weniger lassen sich beide Aspekte miteinander vereinen. Die Gebets- und Fastenzeiten im Gebiet von Mekka und Medina überschreiten bestimmte Grenzen nicht: Der längste Tag beträgt etwa 13,5 Stunden und der kürzeste ca. 10,5 Stunden.
In München betragen die die extremsten Längen ca. 16 Stun-den bzw. 8,5 Stunden, in Hamburg 17 bzw. 7 Stunden und in Oslo 18,5 bzw. 5,5 Stunden.
In solchen Gebieten entfernen sich die Menschen immer weiter von der Dauer der Fastenzeit und der Gebetsstunden der Sunna um den Sommer- und Winteranfang herum, wenn sie sich ausschließlich am Sonnenstand orientieren, und sie wer-den dann über- bzw. unterfordert.
Ein weiteres Problem ist bei zunehmender Tageslänge die Ver-kürzung der Nacht, bis die Abend- in die Morgendämmerung direkt übergeht. Nach einer Ermittlungsmethode der Dämme-rungsdauer beginnt diese Zone beim 49. Breitengrad, etwa in Höhe von Karlsruhe,
Nach dem Qur'ân sind wir beim Beten und Fasten nicht aus-schließlich an den Sonnenstand gebunden.Die Verse des Qur'âns - wie schon gezeigt - lassen zu dieser Frage sich in zwei Gruppen teilen. Die eine beschreibt die Gebetszeiten in Abhängigkeit vom Sonnenstand (20:131), (17:79) und (11.115). Die andere Gruppe setzt sie in Abhängigkeit von den Tages-zeiten fest: (4:103) sagt, dass das Gebet eine zeitlich einge-grenzte Vorschrift ist (kitâban mauqûtan), (2:239) legt die Betonung auf das mittlere Gebet (aṣ-ṣalâtu`lwusṭa), und in (30:18,19) werden den Gebetszeiten feste Tageszeiten zugeordnet:
Die Einteilung des Tages erfolgt bei uns nicht nach dem tatsäch-lichen Sonnenstand, sondern nach dem Tagesrhythmus eines mittleren Tages, d.h. von annähernd mittlerer Tageslänge. Die Tageszeiten sind nach unserem Zeitgefühl zwar nicht scharf gegeneinander abgegrenzt, beziehen sich aber während des ganzen Jahres auf die gleichen Tagesstunden.
In einigen Hadît-Sammlungen gibt es Aussprüche des Prophe-ten (ṣ), die es erlauben, die Gebetszeiten nicht nur unter dem Aspekt des tatsächlichen Sonnenstandes zu sehen.
Damit ist jedoch noch keine Aussage über die genauen Zeit-punkte für die Gebete und das Fasten gemacht. Wir müssen darauf eine Antwort finden, um unser Tun mit allen Worten des Qur'âns und den Worten des Propheten (S) in Übereinstimmung zu bringen, und um es den Menschen zu ermöglichen, nicht nur den Islam anzunehmen, sondern auch nach ihm zu leben., ohne die Gebote des Islams zu verletzen.
Es gibt von Seiten muslimischer Gelehrter unterschiedliche Aussagen zu diesem Thema:
maḥmûd šaltût, einst šaiẖu`l-azhar, erklärt in einer fatwâ (in seinem Buch al-fatâwâ), dass die Menschen in Ländern mit extremen Tageslängen sich nach den nächstgelegenen Ländern mit gemäßigten Tageslängen richten sollen.
- Prof. Hamidullah definiert dafür einen eindeutigen Bezugs-punkt, den 45. Breitengrad. Alle Gebiete nördlich davon sollen den Zeiten des 45. Breitengrades folgen.
muḥammad abû`l-'alâ al-banna, ehemals Lehrer für Astrono-mie an der al-Azhar, schlägt in einem ausführlichen Artikel über die unterschiedlichen Gegebenheiten auf der Erde vor, in Ländern mit extremen Tageslängen die Gebetszeiten nach einem mittleren Tag mit einem 12-Stunden-Tag und einer 12-Stunden-Nacht einzuteilen, mit anderen Worten, nach einem Tag, wie er überall auf der Erde zum Zeitpunkt des Frühlings- und Herbstanfangs herrscht, sowie am Äquator während des ganzen Jahres.
- Denkbar sind auch zwei weitere vorgeschlagene Möglich-keiten:
In äquatorfernen Gebieten richten sich die Menschen im ganzen Jahr nach den Zeiten der sunna, d.h. z.B. denen von Mekka oder Medina nach Umrechnung/Verschiebung auf ihren jeweiligen Längengrad entsprechend dem Beginn des Mittagsgebets, oder
Sie richten sich nur während der Zeit des Jahres, in der die Tageslänge bestimmte Extreme nicht überschreitet, nach dem tatsächlichen Stand der Sonne. Wird der Tag länger oder kürzer als die noch festzulegenden Extreme, so folgen sie in der übrigen Zeit dem längsten oder kürzesten Tag, der sunna, der jeweils die Grenze bildet.
- Die beiden ersten Ansichten (ebenso wie die vierte) haben den Nachteil, dass die Gebetszeiten ohne Beziehung zum Wohnort nur über gedruckte Tabellen feststellbar sind und dadurch die Durchführung nicht gerade erleichtert wird.
Die dritte Ansicht ist weitaus praktikabler, weil die Gebetszeiten der Tag- und Nachtgleiche eines Ortes während des ganzen Jahres verbindlich sind und von Ort zu Ort nur durch die etwas längere Dämmerungsdauer in weiter nördlichen Gebieten unter-scheiden, Alle Gebet einer Zeitzone liegen noch innerhalb der Gebetszeiten, wenn sie ca. 1 Stunde nach dem Eintritt der in der mitteleuropäischen Zeit angegebenen Gebetszeiten verrich-tet werden, so dass bei einer Reise eine Umrechnung auf die Ortszeit nicht unbedingt erforderlich ist. Auf umfangreiche Tabel-len kann verzichtet werden. Jedoch entfallen alle jahreszeit-lichen Schwankungen.
Der vierte Vorschlag unter - bzw. überschreitet nicht die Fasten-dauer des Propheten, und er sorgt dafür, dass die Gebete zu denselben Tagesstunden wie in der sunna stattfinden.
Die fünfte Möglichkeit entspricht der sunna hinsichtlich des Sonnenstandes während der Periode der annähernd mittleren Tageslängen und hinsichtlich der Einhaltung bestimmter Tages-zeiten und -grenzen für das Fasten während der Periode der extremen Tageslängen. Eine bestimmte Fastendauer wird nie unter- oder überschritten. Je näher aber ein Ort am Pol liegt, desto kürzer wird die Periode der mittleren Tageslängen und desto länger dauert die Einhaltung der extremen Grenzen.
Es gab und gibt unterschiedliche Lösungen, denen man sofort ansieht, dass sie nicht mit Blick auf den Qur'ân-Text entstanden sind, sondern eher aus Ableitungen aus juristisch vorgeformten Mustern der maḏahib (muslimischen Rechtsschulen) oder als Meinung von Gelehrten.
Eine Moschee in Hamburg hat wegen der fehlenden Nachtzeit die Dämmerungsdauer zwischen Sonnenuntergang und -aufgang durch 2 geteilt und daher festlegt, dass die tägliche Fastenzeit im Sommer um Mitternacht, nach der ersten Hälfte der gesamten Dämmerungsdauer beginnt. Die maximale Fastenzeit beträgt auf diese Weise ca. 20,5 Stun-den
Nach dem Beschluss des IGMG Gelehrtenrates beginnt ab dem 1. Januar 2016 eine Neuregelung für die Gebets- und Fastenzeiten, in der einfach die Zeit für die Abend- und Mor-gendämmerung verkürzt wird, als Meinung von Gelehrten und unabhängig von dem Wortlaut des Qur'âns. In polnäher gele-genen Regionen ist dieser Beschluss ebenfalls nicht mehr anwendbar.
- Aus dem Buch „fiqhu`l-islâm, al-muyassar mina`l-maḏâhibi`ilslamiyya, yašmil aysar aḥkâmi`l-maḏâhib wa aṣaḥḥa-hâ li`l-waqti`ḥâḍir“ von riḍwân sâfi'iyi`l-matânî, Kairo 1961/1381, S. 106 f. Eine seltsame, merkwürdige Antwort:
„ Und in den Ländern, in denen es keine Zeit für das 'išâ'- und das faǧr (Gebet) gibt, wie in westlichen [?] Ländern an den beiden Polen [= Nord- und Südpol], besteht nicht die Pflicht für das das 'išâ'- und das faǧr (Gebet) […]““
Für diese Position führt er als Begründung folgendes an:„... auf die Frage über jenen, der eins von den fünf Gebet entfallen lässt: Ist er [dadurch] zu einem Nicht-Muslim [gewor-den]? Darauf antwortete er folgendermaßen: Wenn die bei-den Hände oder Füße [bei jemandem] abgetrennt wurden: Aus wie vielen Pflichtteilen besteht [dann] sein wuḍû' [seine Waschung vor dem Gebet?] Er antwortete: Nur [aus] drei, weil die [entsprechenden Körper-] Teile fehlen.“
„Diese Meinung ist leichter im Hinblick auf die Bewohner jener Länder oder die dorthin Reisenden [...]“
Wenn eine wirklich haltbare Entscheidung in der Frage Gebets- und Fastenzeiten getroffen werden soll, ist diese zuallererst mit den Aussagen des Qur'âns abzugleichen und den Tageszeiten (nicht die Sonnenstände, die auf Grund der geographischen Lage eines Ortes ganz anders sein können), die der sunna entsprechen.
Eine weitere Frage drängt sich in der heutigen Zeit immer häu-figer auf:
Wie sollten oder könnten Raumfahrer beten, zu welchen Zeiten und mit welcher qibla?
Vielleicht sollte man unterscheiden zwischen Weltraumreisen-den und Besuchern von geostationären Laboren/Satelliten?
Die qibla ist zweifellos auf die ka''ba ausgerichtet, d.h. auf die Erde bzw., auf deren geographische Position auf der Erde.
Die Gebetszeiten könnten sich bei Besuchern auf geostatio-nären Laboren/Satelliten nach dem Ausgangspunkt der Reise auf der Erde richten, weil die Astronauten wieder dahin zurück-kehren werden.
Für Weltraumreisende, die ggf. von verschiedenen Punkten auf der Erde starten, um das Raumschiff zu erreichen, könnte man zur Berechnung der Gebets- und Fastenzeiten einen beliebigen Punkt auf der Erde auswählen z.B. Mekka oder Medina oder den Breitengrad von Greenwich oder ähnliches, so dass alle Reiseteilnehmer denselben Gebets- und Fastenzeiten folgen und sie während der Fahrt an Gemeinschaftsgebeten teil-nehmen könnten.
Möge Allah uns helfen, eine angemessene Regelung für alle Fälle zu finden.